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Umgang mit Kriegerdenkmalen in Wolfsburg

Am 09.10.2014 fand im Phoenix Gymnasium Vorsfelde eine Veranstaltung mit dem sperrigen Titel „Undemokratische Heldenverehrung oder mahnendes Gedenken gegen den Krieg? Über den gegenwärtigen Umgang mit Kriegerdenkmalen am Beispiel des Ehrenmals in Vorsfelde“ statt.

Eingeladen hatte das Institut für Zeitgeschichte und Stadtpräsentation (IZS) in Kooperation mit besagter Schule. Deren zwölfter Jahrgang hat im Rahmen des Philosophieunterrichts ein Projekt unter Begleitung des IZS begonnen, in dem es um das sog. Ehrenmal in Vorsfelde geht. Anlass für dieses Projekt ist ein Antrag der SPD Ratsfraktion die forderte, die Kriegerdenkmale in Wolfsburg an die „heutige Gedenkkultur“ anzupassen. Den Kollegen schwebte dabei offenbar vor allem eine Kontexttualisierung der Denkmale durch Informationstafeln vor. Von dieser Idee hat das IZS glücklicherweise schnell Abstand genommen, was in Fachkreisen ausdrücklich begrüßt wird.

(Originaldialog der Veranstaltung in Vorsfelde: „Solche Schilder sind soooo 90er Jahre!“ – „80er Jahre!“)

Neben dem Wunsch, die Denkmale „anzupassen“ wurde in der Veranstaltung ein weiterer Grund für den Antrag deutlich. Seitens eines Mitgliedes der SPD Ortsratfraktion wurde die alljährlich am Denkmal stattfindende Kyffhäuser-Veranstaltung am Volkstrauertag deutlich kritisiert. Im Rahmen dieser Veranstaltung marschieren Kyffhäuser, Ortsrat und andere von der örtlichen Kirche zum Denkmal und halten dort, begleitet von Chören, eine Art Festakt ab. Ortsbürgermeister und Vorstand der Kyffhäuser sind dabei in Personalunion vor Ort, ebenso besteht eine gewisse Schnittmenge zwischen CDU Ortsratsfraktion und Kyffhäuser Kameradschaft. Seitens des SPD Ortsratsmitgliedes wird dieser quasi Pflichttermin (den ich jedes Jahr geflissentlich ignoriere) aufgrund der militärisch angehauchten Atmosphäre als unpassend empfunden. Das wiederum können die CDU Ortsratsmitgliedern ebensowenig nachvollziehen wie die im Zuge der gestrigen Diskussion aufkommende Idee, doch zukünftig auch Deserteure oder Kriegsdienstverweigerer an jenem, 1925 im Gedenken an die im 1. Weltkrieg gestorbenen Vorsfelder eingeweihten, Denkmal zu ehren bzw. ihrer zu gedenken.

Die geladenen Historiker (Dr. Riederer vom IZS, Prof. Dr. Steinbach von der TU Braunschweig & Prof. Dr. Tomberger von der Universität der Künste in Berlin) sind also, ebenso wie das IZS und die Schüler des Philosophiekurses, in einen lokalen Konflikt zwischen Teilen der SPD Ortsratsfraktion und der Vorsfelder Kyffhäuserkameradschaft geraten, was vor allem in der abschließenden Diskussionsrunde deutlich wurde.

Nichtsdestotrotz macht das IZS unter Leitung von Frau Placenti-Grau zu diesem Thema bisher einen tollen Job, wie am Vortrag der Schüler deutlich wurde.

Diese stellten das Vorsfelder „Ehrenmal“ als unzeitgemäßes Relikt einer führerhörigen Gesellschaft dar, dessen zentrale Inschrift „Die Treue ist das Mark der Ehre“ von Ihnen als durch Nazis und heutige Rechtsextreme vereinnahmter Slogan interpretiert und dementsprechend deutlich kritisiert wurde. Durchaus radikal wurde in Frage gestellt, wieso dieses Denkmal noch heute vor Ort existiere. Ein Umstand, über den knapp 2/3 der Vorsfelder offenbar auch gar nicht im Bilde sind, wie die Ergebnisse einer von den Schülern durchgeführte Umfrage zeigten. Die, von Vertretern der CDU wie der geschätzten Kollegin Angelika Jahns mit heftigem Kopfschütteln quitierten, Ausführungen der Schüler machten dabei gleich zwei zentrale Problematiken der Denkmale deutlich: Kaum jemand weiß noch, dass es sie gibt und warum sie dort stehen und insbesondere jüngere Mitbürger haben zu ihnen oft keinerlei Bindung. Zumindest waren das auch zwei der Gründe, weshalb die SPD 2013 besagten Antrag einbrachte.

Die Präsentation verdeutlichte aber auch, dass der Ansatz des IZS, in Kooperation mit Lehrkräften Schüler in Projektarbeit an das Thema heranzuführen und dadurch zu einem zeitgemäßen Umgang mit diesen Denkmalen zu gelangen, der richtige ist. Denn die Schüler warteten außerdem mit einem produktiven Vorschlag auf. Sie haben Entwürfe für ein Gegendenkmal vorgelegt, was nicht nur bei Herrn Steinbach von der TU Braunschweig auf Zustimmung stieß.

Der Ortsbürgermeister bekam dies leider schon nicht mehr mit, da er noch während der Schülerpräsenation, dem ersten Punkt im Programm, die Veranstaltung wieder verlassen musste. Er verpasste interessante Vorträge von Herrn Riederer zur Geschichte des Vorsfelder „Ehrenmals“, Herrn Steinbach zu Kriegerdenkmalen als außerschulischen Lernorten und Frau Tamberger zum kritischen Umgang mit eben diesen.

Bei Frau Tambergers Beispielen wurde nochmal deutlich, dass die Schüleridee eines Gegendenkmals in vielen Städten geübte und oft bewährte Praxis eines angemessenen Umgangs mit solch „schwierigen Orten“ (Prof. Dr. Steinbach) ist.

Ich bin, nicht erst seit gestern, sehr gespannt auf die weitere Entwicklung dieses Projekts.

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